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Oh Fortschritt - wie bist du wunderbar

Das nennt man wohl andernorts blinde Fortschriftsgläubigkeit.

Eine Schule in den USA gibt ihren Schülern keine Bücher mehr, sondern MacBooks.

The Alexandria high school is going bookless.
Students won’t be carrying around textbooks and paper notebooks, but instead will have a laptop computer as part of the parish’s first Digital Academy.

Digital Academy klingt natürlich super — da kann der Schulleiter Mr. Higgins gar nicht anders, als begeistert zu sein:

This is on the cutting edge, not only for our parish but also the state [...] This is the wave of the future.

Stimmt, das Neueste zu haben und auf der „Welle der Zukunft“ zu reiten, war schon immer ein Garant für gute Bildung. Aber noch besser wird die Bildung, wenn man das Curriculum in Technologie eintaucht (und das hat der wiklich gesagt):

We are immersing the curriculum in technology.

Ein 15-jähriger Experte fügt bedeutungsschwer hinzu, dass die Benutzung eines Computers viel einfacher sei als die Benutzung von Büchern — das hätte ich an seiner Stelle wohl auch gesagt, wenn mir meine Schule in Aussicht stellt, umsonst ein MacBook zu bekommen, das ich auch noch mit nach Hause nehmen darf.

Dass dieser Satz ganz offensichtlich bescheuert und lächerlich ist, stört wohl den Verfasser des Artikels nicht weiter.

Das Ganze scheint ein wohldurchdachtes Konzept zu sein, zumindest auf der Hardware-Seite: Wireless Zugang auf dem ganzen Schulgelände, eine Schulwerkstatt für kaputte Rechner und da (dank Fördergeldern) insgesamt 160 (!) Laptops angeschafft wurden, kann ein Schüler seinen kaputten Rechner gleich gegen ein Ersatzmodell eintauschen, sollte das mal nötig sein.

Für die pädagogischen Planung ist ja noch ein bisschen Zeit — man hat sich wohl schon den ein oder anderen Gedanken gemacht:

The online curriculum is in the planning stages.

Aber wenn die Rechner erst mal in Betrieb sind (wenn man dem Foto trauen darf, so ist das schon der Fall), ergibt sich das Curriculum ja quasi von alleine. Und überhaupt: wer braucht das bei freiem Internetzugang und so tollen Laptops denn noch? Die Schüler werden im Unterricht ohnehin nicht mehr aufmerksam sein.

Dennoch: alle pilgern in die neue Schule, um sich Ideen zu holen, wie die Digital Academy aussehen könnte, denn die Schule wurde ganz im Sinne von Technologie gebaut:

School and district officials are visiting Empire High School in Tucson, Ariz., this summer for ideas and assistance in getting the Digital Academy started. Higgins said the Arizona school was built with technology in mind.

Noch mal zum Mitschreiben: die Laptops sind schon in Betrieb, die Planung des entsprechenden Curriculums hat begonnen und man tauscht sich über Ideen aus, wie die Digital Academy aussehen und funktionieren könnte. Das nenne ich gut durchdacht.

Übrigens bekommen auch die Lehrer jeweils einen Rechner mit allem Schnickschnack, was ihnen natürlich unendlich viele Türen öffnen wird, wie der Schulleiter meint:

This will open so many doors for our teachers.

Die Schule wird nach diesem Deal wohl kein Geld mehr für Reagenzgläser oder andere Laborausrüstung haben und ich nehme an, dass die Schulbibliothek auch erst mal stiefmütterlich behandelt wird. Aber wer Experimente digital simulieren und jederzeit auf Wikipedia zugreifen kann, braucht das ja auch nicht mehr wirklich. Überhaupt diese Bücher — die sind ja ohnehin so kompliziert zu benutzen.

Halleluja! Auf in das Gesegnete Zeitalter.

Geschrieben abends am 23. März 2007
Abgelegt unter Gedanken & Schule

1Richard schrieb am 4. April 2007, 21:45 h    # 

.... Der zweite Text macht sehr treffend auf ein Beispiel aufmerksam, wie man Notebook wahrscheinlich nicht einführen sollte. Es sind passiert in Amerika, dort sollen an einer Schule die Laptop die Bücher ersetzen. Technisch ist alles organisiert und nun wird – nachdem die Laptop in Schülerhand sind – am pädagogischen Konzept gearbeitet. Wenn ich das richtig sehe, dann finden wir auch in Deutschland Beispiel dafür, wie die Ausstattung mit Laptop nicht durch Fortbildungen für die Lehrer und den Aufbau einer passenden Materialsammlung begleitet wurde. Oder anders: Beispiele dafür, dass Sachaufwandsträger und Lehrerkollegien nicht Hand in Hand arbeiten. Aber solche Beispiele gibt es sicher nicht nur für die Ausstattung von Laptopklassen, sondern auch für den Bau von Turnhallen, die Planung von offenen Ganztagsschulen und und und…

2Sedlmeier schrieb am 30. April 2007, 09:42 h    # 

@ AK

Ein herrlich ironischer Artikel. Wirklich köstlich :-)

Kann meinem Vorredner nur beipflichten. Eine Ausstattung mit Laptops, um die Schüler auf die multimedialen Herrausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten, ohne begleitend Fortbildungen der lehrenden Kräfte in der Anwendung dieser High-Tech Geräte anzubieten ist kontraproduktiv. In vielen Fällen wird einfach unüberlegt gehandelt, weil Menschen Angst haben einen “Trend” zu verpassen. Das Sie aber durch solch halbe Sachen alles schlimmer machen, nachdem die Anfagseuphorie vorbei ist … diese Einsicht kommt leider erst im Nachhinein.