ak|weblog

Der Aufbruch

Der Aufbruch in etwas Neues ist angenehm aufregend. Es ist, als würde man nach langen Jahren wieder einmal verreisen und ein bisher unbekanntes Land erkunden. Es gibt dort viel zu sehen, eine Menge zu bestaunen und Interessantes zu lernen. Wenn man sich schon lange vorher auf die Abreise freut, mischen sich auch irrationale Erwartungen in die Vorfreude. Ideale Bilder und Vorstellungen kreisen im Kopf herum, das Reiseziel wird zum Traumland, in den schönsten Bildern und Farben malt man sich atemberaubende Landschaften und exotische Pflanzen aus. Man kann es kaum erwarten, die Reise endlich zu beginnen.

Doch eine solche Reise birgt auch Unannehmlichkeiten und Gefahren. Es ist anstrengend, ständig unterwegs zu sein. Vertraute Orte mögen langweilig sein, dafür sind sie auch zurückhaltend und bescheiden. Unbekannte Orte dagegen sind forsch und fordern stets unsere gesamte Aufmerksamkeit. Man muss sich an ihnen orientieren, man versteht die Sprache ihrer Bewohner nicht richtig, kennt ihre lokalen Gepflogenheiten nicht. Jeden Tag erlebt man Situationen, die man noch nicht kennt und auf die man sich konzentrieren muss, um sie heil zu überstehen.

Auf Reisen lernt man viel über sich selbst. In Grenzsituationen kommen Eigenschaften zum Vorschein, denen man bisher kaum Beachtung geschenkt hat und vielleicht auch nicht schenken wollte. Es ist, als ob jemand überall Spiegel aufgehängt hätte, so dass man nicht umhin kann, ständig hineinzublicken. Das ist lehrreich, aber auch kräftezehrend. Denn nicht alles am Spiegelbild ist angenehm. Man bekommt auch Aspekte seiner selbst zu Gesicht, die man so genau gar nicht wissen wollte. Manche davon passen einfach nicht in das Bild, das man über Jahre von sich selber hatte.

So gibt es auf einer Reise Tage, an denen man überglücklich ist, endlich unterwegs zu sein. Aber es gibt auch andere, an denen man sich in das vertraute Zuhause zurückwünscht. Gut, dass dieser Wunsch unerfüllbar ist. Der Weg führt von alleine wieder dorthin, nachdem man die Stationen der Reise alle erlebt hat. Dann wird man wohl wieder zu Hause ankommen, mit den gesammelten Eindrücken und Erfahrungen im Gepäck, und das Vertraute wird unentdeckte Facetten bekommen haben und es wird irgendwie funkeln.

T.S. Elliot hat das wunderbar in Worte gefasst: “We must not cease from exploration. And the end of all our exploring will be to arrive where we began and to know the place for the first time.”

Geschrieben am frühen Nachmittag, 01. Dezember 2004
Abgelegt unter Persönlich