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Momente in Pixeln

Neulich war ich seit langem wieder bei einem Konzert. Die Musik (Jethro Tull) war toll, ich stand in der ersten Reihe, das Erlebnis war entsprechend intensiv. Allerdings habe ich an diesem Abend live erlebt, was mir schon bei Konzertübertragungen im Fernsehen immer wieder auffiel: viele Besucher scheinen ständig nur zu fotografieren.

Anscheinend ist das nicht nur auf Konzerte beschränkt und fällt nicht nur mir negativ auf. Bei Signal vs. Noise bin ich auf einen Beitrag aufmerksam geworden, der das selbe Phänomen aus der Sicht von Ben Bridwell, dem Sänger der Band Band of Horses, beschreibt. Bei einem Konzert war er wohl so genervt von der Situation, dass er eine einzelne Zuschauerin von der Bühne aus angeschnauzt hat.

Bridwell scheint es mit der Mäßigung im sprachlichen Ausdruck nicht allzu ernst zu nehmen, aber eine Aussage von ihm finde ich bemerkenswert:

So I’m sitting there — now they’re really interested in this one song — and they still won’t make eye contact, looking through their little lenses, taping this one song for their blogs or for their fucking YouTube [accounts] or whatever, and it was just so annoying (Quelle)

Genau wie Bridwell kann ich es nicht nachvollziehen, warum man einen intensiven Augenblick während eines Konzerts lieber durch das Objektiv einer Kamera oder das Display eines Handys erleben möchte als ihn ungefiltert und mit allen Sinnen auf sich wirken zu lassen. Die Umstehenden bei Jethro Tull haben immer dann die Handys und Kameras gezückt, wenn Ian Anderson in unsere Richtung kam, wenn also das Liveerlebnis am besten sein könnte. Ich mag mich irren, aber aus meiner Sicht kann man solche Momente nicht wirklich erleben, wenn man durch ein elektronisches Gerät schaut.

Anscheinend geht es in erster Linie darum, den Augenblick in Pixeln festzuhalten. Warum? Um ihn später prahlend vorzeigen und „beweisen“ zu können? Um ihn schnellstmöglich auf YouTube hochzuladen, wie Ben Bridwell annimmt? Ich weiß es nicht. Aber die Leute kommen nicht auf die Idee, dass auch ihr Gehirn ein intensives „mentales Foto“ machen könnte, wenn sie nur alle Aufmerksamkeit auf den Moment richten würden. Und dieser Eindruck ist noch nach Jahrzehnten präsent, wenn niemand mehr an ein hingerotztes digitales Foto oder ein schlechtes Livevideo denkt.

Auch wenn sich Bridwell in der konkreten Situation und in seiner Ausdrucksweise im Interview nicht angemessen äußert, kann ich doch seinen Ärger als Künstler verstehen. Das ständige Fotografieren und Filmen wirkt respektlos und oberflächlich.

Geschrieben am frühen Nachmittag, 04. August 2007
Abgelegt unter Persönlich

1Brigitte schrieb am 20. August 2007, 14:52 h    # 

Das gleiche kann man auch während Reisen immer wieder beobachten.

Die Leute bewundern die Sehenswürdigkeiten nur noch durch die Kamera. Wahrscheinlich sind sie später zu Hause erstaunt darüber, was sie alles hätten sehen können, wenn sie nur hingeschaut hätten, anstatt die Kamera zu bedienen.

2Sebastian schrieb am 23. August 2007, 20:27 h    # 

Noch schlimmer ist es dann, wenn die Bilder qualitativ eher suboptimal sind…

Aber zum Thema Konzert: es setzt nur voraus, dass man auf die richtigen Konzerte geht (Die Ärzte, The Hives, …), dann ist es eher unwahrscheinlich auf Leute mit einer Kamera zu treffen. Ich denke mal bei diesen Konzerten liegt die Kamera-Ausfallquote weit über Durchschnitt.

3Andreas Kalt schrieb am 25. August 2007, 10:46 h    # 

Sebastian, da erledigt sich das Problem dann in der Tat von alleine ;-).

4Alexander schrieb am 27. August 2007, 07:17 h    # 

Fotografieren und Reisen – da muss ich nun auch meinen „Senf“ dazu geben. Ich gebe auch vollkommen recht, dass beim Fotografieren der Fokus auf das passende/perfekte Bild liegt und dabei der Bauch und das einatmen der Stimmung zu kurz kommt. Ist es nicht auch richtig, dass – gerade bei (Rund)Reisen – wir nach dem 3. Objekt (Tempel, Kirche, Burg, Gartenanlage, …) gar keine Details mehr richtig wahrnehmen können, da unser Hirn schon reiz überflutet ist und wir daher erst viele interessante Detail erst zu Hause auf unseren Fotos sehen und verarbeiten können?
Wer es schafft, ein ausgewogenes Verhältnis – Fotografieren + Stimmung einsaugen – herzustellen, kann meiner Meinung nach das Meisten mitnehmen – zugegeben setzt aber viel Zeit voraus, welche leider auch nicht immer vorhanden ist.
Liebe Grüße aus Wien sendet Alexander

5Ägyptenfan schrieb am 27. August 2007, 13:17 h    # 

Da kann ich Alexander nur zustimmen. Aber man sollte wirklich versuchen das richtige Verhältnis zu finden.
Denn manches ist doch so schön, dass man es auch in „Natura“ betrachten muss, und nicht nur durch die Kamera.
Andererseits kann man wirklich auf den Fotos vieles nochmal viel genauer sehen… und später in Erinnerungen schweifen.

6Prose schrieb am 10. November 2007, 02:18 h    # 

Hallo zusammen,
warum fotografiert Paul Karin vor dem Eifelturm? – vom Eifelturm sieht man dann ja leider nicht mehr sehr viel.
Warum filmt Klaus 15 min lang immer dieselben Wellen die auf den Mittelmeerstrand fallen? Warum schalten Leute nachts in Stadien das Blitzlicht ihrer KB-Kamera ein?
Ich halte das alles für sinnlos!
Aber muss ich ihnen das deswegen verbieten? Oder mich darüber aufregen?
Die Leute erleben halt auf eine andere Art und Weise, dumm nur wenn man meint alle müssten es richtig machen; so wie man selbst.
Das Problem liegt doch darin das du dich gestört fühltest; beim intensiven Erlebnis.
Warum nicht einfach die Augen schließen? Du kannst ja „mental sehen“!
Und wenn Künstler sich so richtig aufregen, dann doch weil keiner sie fotografiert.
Ach ja, und angeben geht mit einem Blog natürlich viel besser als ständig sein Tagebuch rumzureichen.

Ansonsten Lob für die Website, ein sehr gelungenes Farbschema — auch wenn ich glaube dass du dich nicht recht darüber freuen wirst.

7Ferienplaner schrieb am 22. November 2007, 23:44 h    # 

Klar soll jeder wie es ihm passt.
Aber es kann durchaus vorkommen, dass man einen schönen Augenblick verpasst, weil man gerade so sehr mit der Kamera beschäftigt ist (ist mir leider selber schon öfters passiert).
Aber schlussendlich muss ja jeder selber wissen was für ihn stimmt.

8Abitur schrieb am 28. Dezember 2007, 13:14 h    # 

Kann dieses Phänomen ebenso bestätigen. Habe drei Jahre in einer Opan-Air-Konzert Bühne gearbeitet und kann bis heute nicht verstehen, wieso manche Leute in bestimmten Situationen fotografieren. Sicher sind ein, zwei Erinnerungsfotos angebracht, aber wenn bspw. ein Joe Cocker in einer lauen Somernacht bei Sternenhimer seine Songs zum besten gibt, kann man diese doch einfach nur geniessen, wenn man eben nicht mit einer Kamera in der Hand dasteht und versucht das ultimative Foto zu machen.
Ich kann mir das nur so erklären, dass die Leute, die inzwischen teilweise wirklich viel Geld (im Verhältnis zum Einkommen teilweise sehr viel Geld) für Konzertkarten bezahlen. Hier kommen teilweise sicherlich auch noch die Anreisekosten hinzu. Und eben diese Leute wollen ein Maximum an Freude und Erinnerung von diesem Konzert haben und sind daher ständig am fotografieren und vergessen dabei das eigentliche Erlebnis… Das Konzert…

9News schrieb am 29. Dezember 2007, 15:45 h    # 

Natürlich ist verständlich, dass wenn man schon viel bezahlt, man auch möglichst viel davon haben möchte.
Aber Erinnerungen sind doch auch was … und die kann einem schliesslich auch niemand mehr nehmen.